Weitergehende Informationen über orth. Schuhzurichtungen

 

Die folgenden Informationen sind der Diplomarbeit von Andreas Kraus, geschrieben an der Universität Augsburg, entnommen.

1.1     Einlagen

Bei komplexeren, schmerzhaften Fußerkrankungen bzw. Deformitäten kann eine wirksame Ruhigstellung, Stützung oder Korrektur nicht mehr allein durch eine Einlagenversorgung erreicht werden. Orthopädische Zurichtungen am Konfektionsschuh haben einen größeren Einfluss auf die Schrittabwicklung und werden deshalb verordnet, wenn eine Einlagenversorgung nicht mehr ausreichend ist.

Im Hilfsmittelverzeichnis Produktgruppe 31 -Schuhe werden 24 verschiedene Schuhzurichtungspositionen aufgeführt.

 

1.1.1     Nutzen

Orthopädische Zurichtungen am Konfektionsschuh oder nachträgliche orthopädische Zurichtungen am orthopädischen Maßschuh dienen dazu, den vorhandenen Schuh des Versicherten so zu gestalten, daß durch einzeln oder in Kombination vorgenommene Arbeiten […] Fußbeschwerden, die die Gehfähigkeit und Gehausdauer einschränken, beseitigt oder gemindert werden. Sie sind eine ärztlich verordnete, technische Veränderung am Konfektionsschuh mit prophylaktischer und therapeutischer Zielsetzung.

Bei einer orth. Zurichtung wird der Konfektionsschuh der Patienten an Absatz, Sohle, Hinterkappe oder Schaft umgearbeitet. Gegebenenfalls werden auch neue orth. Elemente in den Schuh eingearbeitet.

Ziele und Nutzen der Schuhzurichtungen sind:

Vorbeugung von Fußschäden, Behandlung von Fußschmerzen, Funktionsausgleich bei Bewegungseinschränkungen und Beinverkürzungen, sowie kurzfristige gesellschaftliche Wiedereingliederung (Rehabilitation) nach Unfällen, Operationen und anderen akuten Erkrankungen. Dies wird erreicht, indem versucht wird, „den Schuh dem Fuß anzupassen, die Stellung des Fußes im Schuh zu verändern und den Bewegungsablauf zu beeinflussen“.

Orth. Schuhzurichtungen haben je nach Ausführung eine bettende, entlastende, stützende, korrigierende oder funktionsveränderte Funktion.

Im Jahr 1972 bemerkt GOLDINGER: „Es gibt wohl kein Gebiet in der Orthopädie, wo mit so wenig Kostenaufwand eine so große Wirkung erzielt werden kann und das so oft vernachlässigt wird.“ Auch in der aktuellen med. Literatur bestätigen einige Autoren, daß sich durch orth. Schuhzurichtungen mit einfachen Mitteln bei relativ geringem Kostenaufwand gute therapeutische Erfolge erzielen lassen.

Ein großer Vorteil von Schuhzurichtungen besteht darin, dass die funktionellen Veränderungen meistens an den vom Patienten ausgesuchten Konfektionsschuhen vorgenommen werden. Die Trageakzeptanz (Compliance) und damit der Therapieerfolg wird dadurch deutlich erhöht. Da außerdem die Zurichtung fest mit dem Schuh verbunden ist, hat der Patient selbst nichts bei der Anwendung zu beachten.

 

1.1.2     Indikation und Wirkungsweise

Schuhzurichtungen werden zur Erreichung folgender Ziele indiziert:

Druckentlastung bestimmter Sohlenabschnitte, Abroll- oder Abwicklungshilfen, Ausgleich von Beinlängendifferenzen, Stabilisierungsmaßnahmen im Sohlenbereich, Änderung im Lotaufbau, Stoßdämpfende Maßnahmen, Veränderungen im Fersenraum des Schuhes, Druckentlastung an Oberleder und Schaft.

Damit sind die Aufgabengebiete der orth. Schuhzurichtungen ebenfalls festgelegt:

  • Durch verschiedene Sohlenrollentypen können schmerzende bzw. entzündete Fußgelenke entlastet oder ruhig gestellt werden.
  • Durch einseitige Absatz- und Sohlenerhöhungen können Beinlängendifferenzen ausgeglichen werden.
  • Durch verschiedene Absatzzurichtungen kann der Fersenauftritt gedämpft, die Standsicherheit erhöht oder das Schuhgelenk stabilisiert werden.
  • Oftmals haben elegante Schuhe nicht genügend Raum für eine Einlage. Durch die feste Einarbeitung von Längs- und Quergewölbestützen kann jedoch bei Schuhen, die für Einlagen ungeeignet sind, die Versorgung fortgesetzt werden.
  • Bei Achillessehnenreizungen können durch eine Schaftumarbeitung und einer beidseitigen Absatzerhöhung lokale Reizungen verhindert werden.

 

1.1.3     Auswirkungen bei einer Unterlassung der Versorgung mit Schuhzurichtungen

Wie bereits unter Punkt 3.1.3 erläutert gibt es bisher keine Studie über eventuelle Folgekosten bei Unterlassung der Versorgung. Allgemein kann jedoch gesagt werden, daß eine der wichtigsten Aufgaben der Zurichtungen in der Vorbeugung von Fußschäden liegt. Fußbeschwerden können gelindert und das Fortschreiten von Fußdeformitäten, welche zu komplexeren und damit auch meist teureren Versorgungen führen könnten, verhindert werden.

Es soll versucht werden, gewisse Größenordnungen am Bsp. der Zurichtung „Absatz und Sohlenerhöhung“ darzustellen:

Aufgrund einer Beinlängendifferenz kommt es zu einem Beckenschiefstand. Daher sind die Spätfolgen meist im Bereich der Lendenwirbelsäule und der Hüfte anzutreffen. Bei Erwachsenen sind auch geringe Beinlängenunterschiede häufig die Ursache von Rückenbeschwerden und Wirbelblockierungen mit daraus resultierender Schmerzsymptomatik. Aufgrund von Krankheiten des Skeletts, der Muskeln und des Bindegewebes kam es im Jahr 1993 zu 888.534 Krankenhausfälle der GKV-Versicherten. Je Fall wurden 16,19 Tage im Krankenhaus verbracht. Die o. g. Erkrankungen führten im Jahr 1993 zu 5,78 Mio. Arbeitsunfähigkeitsfällen mit je 21,88 Krankheitstagen. Im Jahr 1996 gab es bundesweit 48.120 Neuzugänge an Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit aufgrund von Rückenleiden.

Natürlich dürfte nur ein geringer Teil der Rückenleiden aufgrund einer nicht korrigierten Beinlängendifferenz entstanden sein. Die Zahlen machen jedoch deutlich, wie hoch die Folgekosten bei unterlassener rechtzeitiger Versorgung von Rückenleiden für die Volkswirtschaft sein kann.

Ein weiteres Versorgungsgebiet der Schuhzurichtungen soll anhand des Krankheitsbildes „Hallux valgus“ bzw. „Hallux rigidus“ erläutert werden. Bei einem Hallux valgus handelt es sich um eine Schiefstellung bzw. Achsenfehlstellung der Großzehe. Oftmals kommt es zu einer Arthrose des Großzehengrundgelenks. Sie kann zu einer schmerzhaften Einsteifung bzw. Kontraktur des Großzehengrundgelenks (Hallux rigidus) führen. Akut auftretende Beschwerden äußern sich durch Schwellung, Rötung und Schmerz im Großzehengrundgelenk. Oftmals stellt man beim Betrachten des Gangbildes eine Bewegungshinderung beim Abrollen fest. Die OST kann durch das Anbringen einer Hallux-rigidus-Rolle am Konfektionsschuh zur Erleichterung des Abrollens und zur Reduzierung der Bewegung im Großzehengrundgelenk beim Abstoßen des Fußes beitragen. Orthopädietechnische Maßnahmen sind in den meisten Fällen erfolgreich.

Sollte diese orthopädietechnische Maßnahme aus dem Leistungskatalog der GKV herausgenommen werden, so bleibt als Alternative die Operation der Großzehe. Eine am Internationalen Institut für Empirische Sozialökonomie (INIFES) erstellte Studie ermittelte die durchschnittlichen Leistungsausgaben der GKV für die „Operation des Hallux valgus mit Gelenkkopfresektion und anschließender Gelenkplastik und/oder Mittelfußosteotomie“ im Jahr 1994:

Das arithmetische Mittel der ambulant durchgeführten Operationen im Jahr 1994 nach operativen EBM-Ziffern betrug 1.506 DM.Bei einer stationär durchgeführten Operation wurde im Schnitt ein Betrag von 3.353 DM ermittelt. Berechnete man die Kosten der „Operation Hallux valgus/rigidus durch Resektionsarthroplastik“ aufgrund einer Fallpauschale (FP Nr. 17.12), so wurde ein Betrag von 5.751 DM errechnet.

Die Kosten für die orth. Schuhzurichtung betragen 128,27 DM. Geht man davon aus, daß der Patient nach der Probe an dem ersten Paar mit dieser konservativen Therapie zufrieden ist und deshalb pro Jahr eine Schuhzurichtung für vier Paar Schuhe in Anspruch nimmt, so betragen die Kosten für die GKV pro Jahr 513,08 DM. Besonders bei multimorbiden Menschen kann somit eine Operation, die zu weiteren Komplikationen führen könnte, verhindert werden. Aber auch nach einer erfolgten Operation besteht oftmals „die Notwendigkeit einer zielführenden orthopädieschuhtechnischen Versorgung“ des Fußes.

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