Weitergehende Informationen zur Kompressionstherapie

 

Die folgenden Informationen sind der Diplomarbeit von Andreas Kraus, geschrieben an der Universität Augsburg, entnommen.

1.1     Hilfsmittel zur Kompressionstherapie

1.1.1     Nutzen

Kompressionsstrümpfe oder –verbände werden bei der Behandlung von Venenleiden eingesetzt. Nachfolgend wird kurz die Wirkungsweise der Kompressionstherapie erläutert.

Neben dem Transport von Blut haben die Venen eine weitere wichtige Funktion: Sie dienen als „Blutlagerstätte“, da nur ca. 15% des gesamten Blutes zirkuliert.[1] Aus diesem Grund müssen die Venen sehr dehnbar sein. Diese Dehnbarkeit erschwert jedoch den Abtransport des Blutes von den Beinen in Richtung Herz. Um die beim Bluttransport entgegen wirkende Schwerkraft überwinden zu können, sind in den Beinvenen rückschlagventilähnliche Klappen vorhanden. Diese sogenannten Venenklappen lassen das Blut nur in Richtung Herz fließen und verhindern dadurch das Zurücksacken des Blutes in das Gewebe.[2] Damit ein Abtransport des Blutes trotz der hohen Elastizität der Venen erfolgen kann, ist die Beinmuskulatur unentbehrlich. Bei jeder Muskelanspannung wird die Dehnbarkeit der Beinvenen begrenzt, so daß das Blut aus den Venen ausgepreßt und herzwärts befördert wird.[3]

Bei vielen Menschen sind die Venenwände in ihrer Elastizität überfordert und überdehnt. Aufgrund dieser Überdehnung schließen die Venenklappen nicht mehr korrekt (Klappeninsuffizienz), so daß es zu einer venösen Stauung kommt. Dadurch sinkt die Strömungsgeschwindigkeit. Entsprechend verlangsamt sich auch der Abtransport von Stoffwechselprodukten. Das Gewebe „erstickt an den eigenen Abfallprodukten. Daraus resultieren Veränderungen an der Haut, die bis hin zu einem offenen Bein (ulcus cruris) führen können.[4]

Bedingt durch den venösen Stau kann sich ein Thrombus (Blutgerinnsel) bilden. Wandert dieser Thrombus von den Beinen bis zur Lunge, so kann eine lebensgefährdende Situation, die Lungenembolie, entstehen.

Beim Versagen der Beinvenen übernehmen die Lymphgefäße ein Teil der Flüssigkeit, welche die überlastete Vene nicht mehr aufnehmen kann. Wird dadurch jedoch die Lymphbahn überlastet, so kommt es zu einer Ansammlung von Gewebewasser in den Beinen. Man spricht dann von Schwellungen bzw. einem Ödem.[5] Ganz allgemein werden unter der Bezeichnung „chronisch venöse Insuffizienz“ (CVJ) die unterschiedlichsten Störungen des venösen Abflusses verstanden.[6]

Folgende Wirkungen können durch eine Kompressionstherapie erreicht werden:

Die überdehnten Venen werden von außen eingeengt, so daß die Venenklappen wieder dicht schließen können.[7] Die Muskel-Venen-Pumpe wird aktiviert und arbeitet effektiver.[8] Ferner kommt es zu einer Drainage von Haut und Gewebe wodurch Ödeme beseitigt werden.[9]

Der wichtigste Effekt ist jedoch die Steigerung der Strömungsgeschwindigkeit. Sie ist das entscheidende prophylaktische und therapeutische Prinzip der Kompressionsbehandlung.[10]

Etwa 75% aller unter Venen- und Lymphgefäßveränderungen leidenden Patienten könnten allein durch eine Kompressionstherapie erfolgreich behandelt werden.[11]

 

1.1.2     Indikationen der Kompressionsstrumpfversorgung

Der Kompressionsstrumpf hat im Gegensatz zum Kompressionsverband, der zur Beseitigung eines akuten Krankheitsbildes dient, die Funktion den erzielten Zustand zu halten.[12] Daher sind Kompressionsstrümpfe indiziert bei der Langzeitbehandlung der venösen und lymphatischen Krankheitsbilder.[13]

Ferner werden Kompressionsstrümpfe als prophylaktische Maßnahme eingesetzt um einer Venektasie oder einer Ödembildung vorzubeugen.[14]

Die Ziele einer Kompressionsstrumpfbehandlung sind demnach:[15]

  • Eine Basisbehandlung,
  • das Aufhalten einer Verschlimmerung,
  • eine Thromboseprophylaxe.

Kompressionsstrümpfe sind indiziert bei:[16]

  • Chronischer Veneninsuffizienz,
  • Venöser und nicht venöser Ödeme bzw. Lymphödeme im Rahmen der komplexen Entstauungstherapie,
  • Ausgeprägter Beinbeschwerden venöser Genese,
  • Nachbehandlung eines abgeheilten ulcus cruris (offenes Bein),
  • Nachbehandlung phlebologischer Operationen.

 

1.1.3     Auswirkungen bei einer Unterlassung der Kompressionsstrumpfversorgung

Im Jahre 1979 wurde bei einer gesetzlich vorgeschriebenen Lungenuntersuchung die Teilnahme an einer Studie über Venenleiden erbeten. Insgesamt wurden 4026 Personen untersucht. Das erfaßte Kollektiv entsprach der demographischen Struktur der erwachsenen deutschen Bevölkerung. Die Altersstruktur und die Berufsgruppeneinteilung des Kollektivs entsprach dem bundesdeutschen Gesamtdurchschnitt.

Die „Tübinger Studie“ kam zu dem Ergebnis, daß 15% der Bevölkerung von einer klinisch relevanten Varikose (ausgedehnte Krampfaderbildung, Form der venösen Insuffizienz) betroffen sind. Zusätzlich leiden weitere 12% der Bevölkerung an einer chronisch venösen Insuffizienz.

Nach eigener Darstellung der Befragten haben 50% der Frauen und 25% der Männer ein Venenleiden. Insgesamt weisen 70% der Erwachsenen Venenveränderungen auf. Bei diesem hohen Prozentsatz ist es sicherlich gerechtfertigt, von einer Volkskrankheit zu sprechen.

Geht man von 80 Mio. Bundesbürgern aus, so leiden

  • 12 Mio. Personen an einer klinisch relevanten Varikose
  • 9,6 Mio. Personen unter einer fortgeschrittenen venösen Insuffizienz.

Insgesamt sind also 21,6 Mio. Bundesbürger von den Formen einer Venenerkrankung betroffen, die das Tragen von Kompressionsstrümpfen indizieren. Diese Zahl beinhaltet keine Personen mit geringer ausgeprägten Varizen (Krampfadern).

Die kassenärztliche Bundesvereinigung sieht eine halbjährige Neuversorgung bei den Kompressionsstrümpfen vor. Insofern müßte man einen Verordnungsbedarf von ungefähr 43,2 Mio. Strümpfe erwarten können. Wird der Bedarf an Kompressionsstrümpfen auf den aus medizinischer Sicht unentbehrlichen Einsatz bei einer fortgeschrittenen Insuffizienz begrenzt, so verbleiben 9,6 Mio. Personen, bei denen man ein Bedarf von 19,2 Mio. Verordnungen veranschlagen dürfte. Im Jahre 1993 wurden 2,8 Mio. Kompressionsartikel abgegeben. Einem Bedarf von maximal 43,2 Mio. oder minimal 19,2 Mio. stehen also lediglich Verordnungen in Höhe von 2,8 Mio. gegenüber. Selbst wenn man einen Abschlag aufgrund von Personen, die wegen einer Kontraindikation für die Kompressionstherapie nicht geeignet sind, vornehmen würde, ist immer noch eine erhebliche Lücke zum errechneten Bedarf vorhanden.

Insofern kann keinesfalls der Eindruck entstehen, daß zuviel oder zu häufig Kompressionsstrümpfe verordnet werden.

Die im gleichen Zeitraum wie die „Tübinger Studie“ durchgeführte „Münchner Studie“ kam zu dem Ergebnis, daß Personen mit Beinvenenveränderungen signifikant häufiger von Komplikationen wie Phlebitiden (Venenentzündungen) und Lungenembolien betroffen sind. Dabei wurde eine deutliche Zunahme dieser Komplikationen mit zunehmendem Schweregrad der Venenveränderung ersichtlich. Zudem nahm der Anteil der venös bedingten Beinbeschwerden mit zunehmendem Alter zu. Somit ist mit steigender Lebenserwartung sowohl eine Zunahme von Venenerkrankungen, als auch eine stärkere Ausprägung bzw. Häufung von Komplikationen zu erwarten.

Von 10.000 Pflichtversicherten sind fast 5 % (davon 25% Männer und 75% Frauen) innerhalb von 5 Jahren mindestens einmal wegen eines venösen Beinleidens arbeitsunfähig. Die mittlere Dauer der Arbeitsunfähigkeit beträgt dabei 45 Tage.

Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie, PD Dr. med. E. Rabe, Universitäts-Hautklinik Bonn, teilte auf Anfrage mit:

„Es ist nicht möglich, die Folgekosten einer unterlassenen Kompressionstherapie genau zu beziffern. Mittlerweile liegen aber einige Untersuchungen vor, die zeigen, daß die Kompressionstherapie die Inzidenz des postthrombotischen Syndroms nach stattgehabter tiefer Beinvenenthrombose halbieren kann und daß auch die Rezidivrate des Ulcus cruris mit Kompressionstherapie nach Abheilung minimiert werden kann.“

Vermutlich auch aufgrund der abzusehenden Folgeschäden kommt RABE zu folgendem Fazit: „Eine Einsparung bei der Verordnung von medizinischen Kompressionsstrümpfen ist keine Ersparnis in der medizinischen Versorgung, da die unzureichend behandelte chronische venöse Insuffizienz zu Progredienz neigt und in diesem Fall dann wesentlich höhere Gesundheitskosten verursacht.“

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